Kurzgeschichte: Susanne Thiele „Davon“

Davon

Wenn ich ein Vogel wäre, denkt sie, dann einer mit großen Flügeln. Über die Spiegelfassade am Gebäude gegenüber gleitet eine Dreiecksformation. Flügel, mit denen ich fliegen kann, präzisiert sie, sonst macht es für mich keinen Sinn, ein Vogel zu sein. Ein Emu oder ein Strauß zum Beispiel, die reichten mir nicht aus, schnell laufen kann ich schon jetzt. Sich in die Luft zu erheben zu der watteweichen Wolke da im Spiegel und davon zu fliegen, darum geht es.
Ob sich ein Strauß in Afrika auch manchmal wünscht, fliegen zu können? Wenn die Zugvögel über ihn herziehen und er seine flugunfähigen Flügel zur Balz aufplustert? Ein kühler Schauer zieht über ihren Arm hinweg und lässt eine Gänsehaut zurück. Die Klimaanlage soll die Konzentration fördern.
Da oben am Himmel wäre es auch ziemlich kalt. Ich bräuchte ein dichtes Gefieder und eine gute Kondition, denn ich wäre ein Langstreckenzieher. Bis Zentralafrika müsste ich es schaffen. Ich hätte einen funktionalen Körperbau, damit ich nicht auf halber Strecke, etwa über dem Mittelmeer, abstürze. Eine Schwalbe, ja, eine Schwalbe, denkt sie, klein und hübsch und kommt viel rum.
Der Kaffee ist mittlerweile kalt geworden, über den Bildschirm fliegen weiße Punkte, nebenan tippt jemand im Akkord. Ein winziges Flugzeug funkelt und glänzt. Es schleicht über die azurblaue Fassade. Aus einem Büro dudelt leise ein Lied.
Ein Singvogel zu sein, wäre nicht verkehrt. Die sind recht flinke Flieger und können schöne Melodien singen, fast ohne Luft zu holen. Ich würde auf einem Zweig sitzen, mich vom Wind ein wenig hin und her schaukeln lassen und singen und hören, was meine Freunde singen, und singend antworten und lauschen, denn ich hätte ein hervorragendes Gehör. Und wenn ich nicht singen möchte und einfach nur schaukeln, dann wäre das völlig in Ordnung. Darüber führt niemand Protokoll.
Der Abteilungsleiter überreicht ihr geräuschvoll Papiere, indem er den Stapel auf ihren Schreibtisch knallt. „Bis morgen Mittag“, sagt er und verschwindet. Ein Greifvogel käme für mich nicht in Frage, denkt sie und betrachtet die Wolke auf dem Glas. Die Beute auszuspähen, zu umkreisen, zu jagen, niedliche kleine Mäuse, meinem Wesen entsprächen vielmehr Beeren und Nektar, süßer Nektar aus hübschen Blüten, die wie geschaffen sind für einen schimmernden, schwirrenden Kolibri und seine lange Zunge. Aber ein Kolibri wandert nicht. Warum sollte er? Warum sollte er solch ein angenehmes Leben aufgeben wollen?
Ein Blick haftet auf ihr, will Aufmerksamkeit, auf dem Bildschirm fliegen die Punkte. Das ratternde Klacken der Tastatur nebenan bricht plötzlich ab, lenkt sie ab von der Wolke. Ein Räuspern gesellt sich zum starrenden Blick.
„Frau Ammer? Die Akte? Haben Sie sie fertig?“
Ein Zugvogel, der auch singen kann, ja, das wäre perfekt. Wenn ich ein Vogel wäre.

 

Diese Kurzgeschichte stammt aus dem 2015 veröffentlichten Kunstbuch „Tierwald“ von Frank Machalowski und mir.